2014 06 10 TAUBERTAL1
"Gib niemals auf! Über sich selbst hinauszuwachsen, schenkt uns die Möglichkeit des GLÜCKLICHSEINS!" (Sri Chinmoy)
Jo- GLÜCK - wessen Ziel ist es eigentlich nicht, GLÜCKLICH zu sein??! Meins schon.... Und ...laufen macht glücklich.... STIMMT! Nicht immer, aber meistens...

Nach meiner 100-er Premiere in Biel im Juni diesen Jahres - gefinisht nach hartem, hartem Kampf und schwerem Gepäck im Gedankenschlepptau, wollte ich eigentlich die Füße hochlegen.... Das klappte in der ersten Woche ganz gut, ich war sehr stolz gefinisht zu haben, aber dennoch hatte ich weiterhin die fixe Idee im Hinterkopf, DAS kann ich besser -ich meine nicht unbedingt von der Zeit her, sondern vor allen Dingen mit besserem Kopf, Willen und besserer Vorbereitung ohne privater Tiefschläge zu laufen! Den Lauf trotz der körperlichen Anstrengung zu genießen, den Flow zu erleben und nicht alles nur irgendwie durchzuprügeln.

Beim "durchblättern" der DUV-Internet-Seite sprang mir der TAUBERTAL100 ins Auge, der schnellste Punkt zu Punkt Lauf Deutschlands von Rothenburg ob der Tauber bis Wertheim ...mit mehr Tiefen- als Höhenmetern und .... am 04. Oktober weit genug weg, um einen weiteren 12 Wochenplan zu absolvieren. Perfetto-das isset, das ist MEIN Lauf...

Die Meinungen meines Umfeldes - sagen wir mal -.... "variierten".... Es sei zu früh, es sei zu viel....es sei genau richtig... Naja! Lassmaanunsselberglauben.de war angesagt!

Aber ~ einmal in den Kopf gesetzt, stand der Plan, die Anmeldung war schnellstens verschickt, die Qualifikation des Veranstalters erfüllt, ging es dann in die zweite Hunderter Vorbereitung diesen Jahres. Geduld ist nicht unbedingt mein zweiter Vorname, das kann man wohl erahnen....
Mir war klar-das kann voll in die Buxe gehen...musset aber ja nicht! Denkste positiv, wird et schon klappen...

Die Vorbereitung diesmal lief wesentlich besser, als vor Biel...diverse 30er, der wundervolle 3-Haldenlauf mit dem halben LC Duisburg... zwei "gemütliche" Marathons, der tolle 56er in Monschau mit Anja als reiner Genusslauf mit total gutem Feeling...und ein weiterer hügeliger 50-er im Training .... Tschakkaboom... das passt!

Lediglich der Blick in die Starterliste verunsicherte mich, "nur" insgesamt 39 Teilnehmer, 6 Frauen und 25 Männer auf 100 und ein paar 50 bzw. 71 Kilometer Läufer... Oha!
Die Gefahr tatsächlich mal letzte zu werden....jo....ziemlich realistisch... Egal! (Anmerkung: ich bin Vorletzte geworden!)

Gut gerüstet und gut erholt nach einer Tapering-Traum-Woche auf Fuerte mit nahezu vollkommen aufgeräumten Kopf  gings dann am 03.10.2014 mit der lieben, lieben Deutschen Bahn und in Begleitung etlicher grölender Kegelclubs mit bester Laune ins liebliche TAUBERTAL...

Im RegionalExpress nach Rothenburg  traf ich bereits Ron, ein Engländer, der im Taubertal seinen ersten 100-er laufen wollte. Durch Zufall im gleichen Hotel untergebracht, wuselten wir uns  also durch Rothenburg, holten gemeinsam Startnummern ab und gingen gemeinsam zum Briefing, gemeinsamen Kartoffelessen und Vortrag des Veranstalters - Hubert Beck! (Ron hat in 11:30 gefinisht! Hut ab!)

Es war ein rundum schöner Abend, total tolle Leute, alles absolut familiär.... rrrrrrichtig schöööön! Und das Ziel, eine Ultra-Veranstaltung zu schaffen, bei der sich die Teilnehmer im Vorfeld kennenlernen können und die Planung, nach dem Lauf gemeinsam beim Ritteressen auf der Burg von Wertheim zu feiern-absolut gelungen und genial. Schöööön! An den 300 Metern hinauf sollte man ggfs noch arbeiten und etwas "barrierefreies" aussuchen...

Frohen Mutes wanderten Ron und ich also zurück ins Hotel und ich sagte zu Ron: "hoffentlich klappt es morgen, ich würde so gerne das Trauma von Biel aufarbeiten..." Gut, dass ich da nicht wusste, was kommen würde, denn es wurde noch schlimmer, als Biel...

Nach einer kurzen Nacht, müder Marsch zum Hotel Rappen, gemeinsames Frühstück mit den anderen "Bekloppten" um 5 Uhr - Tasche für den Transport nach Wertheim abgegeben und dann das erste Highlight- der gemeinsame Fackellauf durch die Rothenburger Altstadt hin zum Start.

Merke: noch mindestens 2 weitere Kilometer... (Ich mein ja nur, was recht ist.... et waren miiindestens 102 km;-)...
Das Erlebnis des Laufes dorthin, der Abstieg über den Trail ins Tal zum Start: ABSOLUT GIGANTISCH ... der Nebel - die passende Musik - HAAAAMMER GÄNSEHAUT.

Pünktlich um 6 starten wir dann, hatten alle von Hubert den Auftrag: ihr seid Boten und eure Aufgabe ist es, zu Fuß und ohne fremde Hilfe, eine Nachricht von Rothenburg nach Wertheim zu überbringen und das, vor Anbruch der Nacht. Gott sei dank vor Anbruch der Nacht und nicht vor Einbruch der Dunkelheit...cut off war um 21 Uhr nach 15 Stunden Laufzeit!
Nachdem ich in Biel 14:52 gebraucht hatte - hoffte ich (beim Start noch) nicht ansatzweise in die Nähe der 15 Stunden zu kommen...

Im Dunklen lief dann jeder sein Tempo, und es stellte sich heraus, dass Michael und ich die gleichen Ziele hatten, ankommen und einen tollen Lauf erleben, ohne Zeitdruck, aber schon irgendwie sportlich....
Und so liefen wir zusammen, quatschten, lachten, fotografierten, pausierten und genossen Lauf, Leute und Landschaft in vollen Zügen.

Joooo, dachte ich - 1A! Das klappt...
2014 06 10 TAUBERTAL2Bei km 50, der erste "Zieleinlauf" und Möglichkeit auszusteigen.... aber ... nöööö ~ kein Gedanke daran, die Zeit immer noch gut, die Stimmung noch besser - Pausen machten wir nahezu an jedem Verpflegungsstand, und sei es nur um mit den tollen Helfern zu quatschen....

So kamen und gingen die km...60-65.... dann nächste Etappe bei km 71 ~ wieder "Zieleinlauf" mit Ausstiegsmöglichkeit.... Aber Micha und ich hatten uns in den Kopf gesetzt-jetzt aufhören wäre Mist... Noch nicht mal mehr 3x10 km...das wuppen wir!

Im Nachgang betrachtet, wäre hier die beste und vernünftigste Möglichkeit gewesen, auszusteigen und meinen bereits unendlich schmerzenden Oberschenkeln genüge zu tun.... aber ~ soweit war ich irgendwie gedanklich irgendwie noch nicht.... Schließlich hatte ich ja ne Botschaft zu überbringen...

Oh man....das Anlaufen nach der langen Pause in Tauberbischofsheim - eine echte Qual und so wurde es von km zu km schlimmer....

Mist! Mist! Mist!
Bei km 80 etwa ~ nachdem Micha mir immer und immer wieder den Zahn zog, es ginge eventuell wahrscheinlich gegebenfalls voraussichtlich doch minimalst "bergauf" und eine Gehpause nicht genehmigt wurde.... bat ich ihn - auch in seinem eigenen Interesse - die noch frischen Beine in die Hand zu nehmen und alleine weiterzulaufen!

Nach dem Versprechen, möglichst nicht rausgehen, vier bis neun Umarmungen, traurigen "Hundeblicken" nach dem Motto- komm doch besser einfach mit.... und der erneuten Bitte auf jeden Fall  zu finishen - zockelte er los und ward bald nicht mehr gesehen...
Trotzdem überlegte ich, um die 80+x rauszugehen... Auch hier "varierten" die Meinungen meines Umfeldes ... nun ja...

Von da an, Biel-Revival pur... bis km 85 etwa lief und ging ich abwechselnd.... Danach/ keine Chance mehr....ich konnte nur noch gehen... Mal so am Rande: schon mal jemand 15 km gewalkt? Mit 85 km inne Haxen und ner tellergrossen Blase unter dem Fuß?? Kein Genuss....oh NEIN!!

Plötzlich wurde mir klar, ich hab ja gar kein Licht dabei und es wird gleich stockdunkel. Zusätzlich wurde es schlagartig kalt und ich war noch der Mittagshitze und der prallen Sonne entsprechend gekleidet. Mäh bäh.... Was nun?

Ich rechnete und rechnete, überlegte, telefonierte und wägte immer und immer wieder ab.... Was macht Sinn??? Was ist vernünftig? Ab wann wird es ungesund?? Möchte ich wirklich so ins Ziel kommen??

Beim letzten Checkpoint bei km 95 war es bereits absolut dunkel, mein Handy hatte Gott sei Dank noch ausreichend Akku für die gute alte Taschenlampen-App.... und ich überlegte ernsthaft, eventuell doch noch bei 95 rauszugehen, aber ich war dann irgendwie schneller dran vorbeigegangen als ich stehenbleiben konnte.

Die letzten 5 km - HÖLLENHAUSEN vom Feinsten .... ich habe lange nicht soooo geflucht, soooo gefroren, mich soooo verloren und sooooo schwach gefühlt! Watt ne Scheisse und wofür tue ich mir das hier an?

2014 06 10 TAUBERTAL3Ich ging und ging und ging und ging und ging .... und irgendwann sah ich die Burg von Wertheim, beleuchtet....jaaaaa.... da muss ich hin!
Nach etwa 2 weiteren km Zickzack, den ZIELBOGEN mit 14:26 schon im Visier stand er plötzlich da:

M I C H A E L !!!!!

Mein Begleiter der ersten 80 km stand kurz vor dem Ziel, hat mich mit einer "one-man-Laola" in Empfang genommen und feste gedrückt.... Gänsehaut! DAAAAANKE!

Ich konnte es nicht fassen, umgezogen und geduscht stand er da .... und hat auf mich gewartet!!!! Das nenn ich pures GLÜCK und FREUDE zugleich und ich bin immer noch unfassbar gerührt! DAS war der schönste und ergreifendste Moment des "Taubertal100" für mich!

Im Ziel dann der absolute Einbruch, durchgefroren und am Ende meiner Kräfte. Die Treppen zur Burg hinauf, ich konnte sie nicht mehr gehen und habe somit meinen Pokal und die Siegerehrung als dritte Frau verpasst, da 3 andere Frauen vor mir ausgestiegen sind... Schade! Aber noch trauriger bin ich, dass ich nicht mit den anderen feiern konnte, die ich am Vortag kennengelernt hatte...und die ebenfalls alle eine Botschaft überbracht haben. Wie ich gehört habe war es ein rauschendes Fest....

Der Lauf an sich: ein absolutes Highlight und MUSS für jeden Ultraläufer!

Ich persönlich verabschiede mich aus der HUNDERTERSZENE - und werde mich nun auf Marathons und Distanzen bis max 70-80 km konzentrieren.... Denn eins war und ist mir immer wichtig: SPASS zu haben und die GESUNDHEIT fest im Blick zu behalten. 100 km tun mir persönlich nicht gut, das hat mir der zweite Lauf deutlich gezeigt. Ich bewundere alle Läufer, die mit FREUDE und starkem Willen 100 km laufen können und ziehe meinen Hut. ICH kann es nicht und möchte meine Gesundheit nicht riskieren!

"Gib niemals auf! Über sich selbst hinauszuwachsen, schenkt uns die Möglichkeit des GLÜCKLICHSEINS!" Sri Chinmoy

Über mich hinauswachsen kann ich auch auf den letzten 10 km eines knackigen Marathons...

Mein Wille mag (wieder) eine meiner stärksten Waffen sein, aber die Vernunft sollte immer noch stärker sein! GESUNDHEIT ist ALLES was wir haben und ich möchte auch noch in der W75 laufen können.... vielleicht bin ich ja dann so weit und versuche noch mal nen Hunderter...wer weiß!

In diesem Sinne... GLÜCK auf und ein Hoch auf viele schöne GESUNDE Kilometer!